Wahrnehmung als Tor der Befreiung
Ein Zen-Kurs zu Vasubandhus „30 Versen über den Geist“ mit Bernd Bender

6 Abende, 1. Juni – 6. Juli 2026
montags, 19.30–21.30 Uhr
im Zendo und auf Zoom
Meditation · Vortrag · Austausch

Ein alter chinesischer Zen-Meister sagte:

„Durch die Pupillen ziehen grüne Berge; vor den Augen kein Ding.“

Im Alltag gehen wir meist selbstverständlich davon aus, dass wir mit unseren Augen eine von uns unabhängige Welt „da draußen“ sehen – und dass Bewusstsein so etwas wie ein innerer Spiegel sei, der diese äußeren Dinge abbildet.

Diese Spaltung vermittelt uns den Eindruck, wir stünden dem Leben gegenüber: hier gebe es ein „Ich“, dort die Welt. Daraus können Gefühle des Abgetrenntseins, der Fremdheit oder der inneren Isolation entstehen – selbst mitten im eigenen Leben.

Zen beschreibt diese Aufspaltung nicht als etwas per se Gegebenes, sondern als eine geistige Konstruktion. Und weil wir selbst an der Entstehung dieser Konstruktion beteiligt sind, können wir auch lernen, sie zu durchschauen. In der Zen-Praxis wird erfahrbar, dass Wahrnehmung nicht aus getrennten Elementen besteht – etwa aus einem wahrnehmenden Ich hier und einem Objekt dort –, sondern sich als ein zusammenhängender, lebendiger Prozess entfaltet.

In der altindischen Yogācāra-Tradition wurde diese Einsicht von Vasubandhu besonders präzise ausgearbeitet. In seinen „30 Versen über den Geist“ beschreibt er Wahrnehmung nicht als Kontakt zweier unabhängiger „Dinge“, sondern als ein abhängig entstehendes Geschehen. „Einfach nur Wahrnehmung“

Vasubandhus Text ist philosophisch klar und zugleich zutiefst praxisorientiert. Seine zentrale Aussage wird oft mit den Worten „Alles ist einfach nur Wahrnehmung“ zusammengefasst. Damit weist Vasubandhu auf etwas sehr Konkretes hin: Wir können nicht außerhalb unseres Erlebens treten. Was wir „Welt“ nennen, zeigt sich uns immer innerhalb von Wahrnehmung, Empfindung, Denken und Deuten.

In der Zen-Praxis bedeutet das: Wenn wir lernen, tiefer in der direkten Erfahrung zu ruhen, wird deutlicher, wie Wahrnehmung geschieht – und wie wir dem unbemerkt etwas hinzufügen, es festhalten oder verengen. Dieses Ruhen in „einfach nur Wahrnehmung“ kann zu einem Tor der Befreiung werden: Der Geist wird fähig, Enge, Unruhe und Bedrängnis wahrzunehmen, ohne darin gefangen zu bleiben – und zugleich offen, weit und unbesetzt zu sein.

Diese Einsicht macht uns in einem guten Sinn demütig: Wir sind ganz in dieser Welt zu Hause – und doch können wir sie niemals vollständig besitzen oder erklären. Daraus kann mehr Achtsamkeit, Umsicht und Freundlichkeit im Umgang mit uns selbst und anderen erwachsen.

Aufbau der Abende

1. Abend: „Durch die Pupillen ziehen grüne Berge“ – Einstieg mit Vasubandhus erstem Vers

Wir beginnen mit Vasubandhus Auftaktvers und der Frage, was es praktisch heißt, Wahrnehmung als ein lebendiges, abhängig entstehendes Geschehen zu erfahren.

2. Abend: Mind-Maps – Ich, Sinneswahrnehmung und tiefe Prägungen

Vasubandhus Modell der „acht Bewusstseinsebenen“ als Landkarte: Wahrnehmen, Denken, Ich-Gefühl und unbewusste Gewohnheiten greifen ineinander. Wir erkunden, wie diese Dynamik im eigenen Erleben sichtbar wird – und wo kleine Verschiebungen bereits Freiheit bringen.

3. Abend: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ – die drei Naturen

Was geschieht, wenn wir eine Blume betrachten – und warum ist das nicht trivial? Anhand von Vasubandhus „drei Naturen“ untersuchen wir den Unterschied zwischen dem, was tatsächlich gegeben ist, und dem, was unser Geist daraus macht.

4. Abend: „Ich bin nicht es, aber es ist, was ich bin“ – abhängiges Entstehen direkt erfahren

Wie entsteht Identität im Moment – bin ich beständig „ich“, oder wird dieses Ich von Moment zu Moment neu geformt? Wir betrachten abhängiges Entstehen als lebendige Erfahrung von Verbundenheit („Inter-Sein“) und wie sich das im Alltag leben lässt.

5. Abend: Unbewegt und doch mittendrin

Wie üben wir, dass der Geist nicht immer wieder von Angst, Druck oder Reaktivität besetzt wird? Wir probieren Vasubandhus Praxisanleitung aus, in „einfach nur Wahrnehmung“ zu ruhen.

6. Abend: Und was hat das alles mit Mitgefühl zu tun?

Wenn Wahrnehmung sich klärt, verändert sich auch Beziehung: zu uns selbst, zu anderen, zur Welt. Wir schließen den Kurs mit der Frage, wie Einsicht in „einfach nur Wahrnehmung“ ganz praktisch zu mehr Mitgefühl, Verantwortung und Wärme führt.

Um uns den Einsichten Vasubandhus anzunähern, beginnt jeder Abend mit einer 30-minütigen, experimentellen, angeleiteten Meditation zum Thema des Abends. Anschließend gibt es einen Vortrag und die Möglichkeit zum Austausch.

Organisatorisches

Die Veranstaltung wird auf Spendenbasis angeboten.

Empfohlene Spendenbeiträge:
110 € regulär
60 € geringes Einkommen
180 € Unterstützer:innen
sowie die Möglichkeit später zu entscheiden

Fehlende finanzielle Mittel sollen niemanden von der Teilnahme abhalten. Bitte sprich uns in diesem Fall an – wir finden eine Lösung. info@akazienzendo.de

Hier geht es zur Anmeldung.